SPEZIAL

In der Wildnis

Worte: Miriam Terruzzi
Bilder: Kathrin Schafbauer

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Die Maremma ist ein Land von unerforschtem Charme. Seine Verbundenheit mit der bäuerlichen Kultur führt den Menschen zurück in die Zeit seiner eigenen Wurzeln.

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er salzige Wind weht durch das hohe Gras, während die Sonne die Schatten der Zypressen über die Hügel zieht. Die Abendsonne legt eine melancholische Stimmung über die Stille, die nur durch den unregelmäßigen Rhythmus des angestrengten Atmens unterbrochen wird.


Die Maremma ist die sogenannte „wilde Lunge“ der Toskana, ein Land der starken Kontraste, der Schatten und Lichter, in der rauen und schillernden Kulisse einer unberührten Natur. Hier vereinen sich die Seelen des Meeres und des Hinterlandes zu einem bittersüßen Duft, der die üppige mediterrane Macchia in den tiefsten Felsschluchten, wo sich einst Räuber oder Geschichtenerzähler versteckten, zum Vorschein bringt.


Radeln ohne anzuhalten, ohne einer Menschenseele zu begegnen, auf Straßen, die jahrhundertelang nur von Cowboys mit ihren Pferden beritten wurden, und zu sehen, wie sich plötzlich das glitzernde Meer vor einem auftut: Es ist dasselbe Gefühl, das ein einsamer Reisender verspürt, wenn er vom stürmischen Charakter eines Landes verzaubert wird, das er noch nie gesehen hat.

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Die Dichterallee

Zwischen 1874 und 1886 komponierte Giosuè Carducci eine Ode, die sich an einer Reise zurück nach Bologna inspiriert, auf der die Erinnerungen an seine Kindheit wieder auflebten, während er das Herz der toskanischen Maremma durchquerte.


Die Anregungen dieser Verse entstanden durch die fast fünf Kilometer lange, von dicken Zypressen gesäumte Allee, die vom Oratorium von San Guido nach Bolgheri führt.


Diese einzigartige Straße, die in sanftem Auf und Ab durch Weinberge und Olivenhaine führt, wurde 1831 von dem visionären Grafen Guido Alberto Della Gherardesca in Auftrag gegeben. In den folgenden Jahren wurden ca. 2540 Zypressen gepflanzt, von denen einige von der Küste stammen und davon zeugen, wie das Meer und das Land hier ihre Grenzen aufgehoben haben.

Im Herzen des Felsens.

Pitigliano ist ein Dorf, das auf einem Tuffsteinsporn thront und von tiefen und wilden Tälern umgeben ist: ein faszinierendes Gewirr von Gassen, Mauern und Türmen, das die antike etruskische Kultur mit der mittelalterlichen und jüdischen vermischt.

In der Altstadt findet man noch die Synagoge und die Gebäude, die von der kleinen Gemeinde, die Ende des 16. Jahrhunderts im Dorf lebte, errichtet wurden. Unterirdisch und rund um die Mauern befinden sich die „vie cave“ (Hohlgassen), ein dichtes Netz von Tunneln, die von den Etruskern direkt in den Tuffsteinfelsen gegraben wurden, wahrscheinlich als heilige Durchgänge zwischen der „Stadt der Lebenden“ und der „Stadt der Toten“.


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Zwischen Land und Meer

Pinienwälder, lange Sandküsten und dann Schilf, wo rosa Flamingos nach ihren langen Wanderungen am Wasser entlang fliegen: Orbetello und seine Lagune ähneln einem kleinen irdischen Paradies, das zwischen den Elementen zu schweben scheint.

Die Stadt erhebt sich auf einem schmalen Landstreifen, der durch eine auf einem künstlichen Damm gebaute Straße mit dem Monte Argentario verbunden ist.

Hier erzählen der Charme der unberührten Natur und die Überreste der etruskischen Zivilisation von der authentischen Seele des Tyrrhenischen Meeres, zwischen Legenden und antiken Ingenieurswerken, wie die Mühle, die seit fast sechs Jahrhunderten einsam der magischen Bewegung der Gezeiten ausgeliefert ist.

Die Bucht der Piraten

Mit Blick auf das saphirfarbene Meer, das die Küste von Porto Ercole umspült, ist Forte Stella eine der drei Festungen, die von den Spaniern im 16. Jahrhundert gebaut wurden, um das Gebiet vor Piratenangriffen zu schützen.


Das auf einem sechszackigen sternförmigen Grundriss errichtete Bauwerk wurde von Philipp II. von Spanien in Auftrag gegeben. Es ist über eine Straße erreichbar, die durch steile mit Ginster und Myrthe bewachsenen Felsen hindurchführt. Für die Spanier war diese Festung entscheidend im Verteidigungssystem des Territoriums. Heute steht niemand mehr an den Schießscharten, in die nur noch die für die Nachmittage am Meer typischen Lichtplätze eindringen, um die Dunkelheit der Mauern zu durchbrechen.

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