SPEZIAL

Auf dem Weg in
den ewigen Schnee

Worte: Miriam Terruzzi und Patrizia Falchero
Bilder: Kathrin Schafbauer

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Der Großglockner ist der höchste Berg Österreichs, eine Straße mit achtundvierzig aufeinanderfolgenden Serpentinenkurven, die den Menschen wieder in seine ursprüngliche Einheit mit der wilden Natur zurückführen.
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ie hohen Schreie von Adlern durchschneiden die kalte Luft, während sie über die Stille der majestätischen schneebedeckten Gebirgskette gleiten.

Die Höhe drückt die Lungen zusammen wie ein Schraubstock. Es ist eine süße Qual, die alle Kletterer spüren, während sie wie Steinböcke in der überwältigenden Alpenlandschaft Biegung um Biegung emporklettern.

Der Großglockner markiert die Grenze zwischen Tirol und Kärnten. Mit seiner Höhe von 3.798 Metern über dem Meeresspiegel ist er der höchste Berg Österreichs.

Die Besteigung sollte man erfahrenen Bergsteigern überlassen, aber man kann den Berg aus nächster Nähe von einer Serpentine aus bewundern, die das Herz des Nationalparks Hohe Tauern durchquert und als eine der landschaftlich schönsten Strecken Europas gilt.

Auf dem Fahrrad hat man das Gefühl, von den riesenhaften Gipfeln inmitten von Geröll verschluckt zu werden, und spürt den Eishauch des ewigen Schnees, der bisweilen von den scharfen weißen Gipfeln herabströmt, die aus den Wolken ragen.

Ein Tunnel aus Licht und Schatten verbindet die Menschen wieder mit ihren archaischen Wurzeln und weckt den urtümlichen Instinkt, sich in die unberührte Natur zu wagen und den Körper wieder mit der Seele zu vereinen.


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Der Großglockner


Dieser Gipfel wurde nach seiner markanten Form benannt, die an eine große Glocke erinnert. Die mystische Aura seiner 3.798 Meter fasziniert Bergsteiger schon seit Jahrhunderten, insbesondere zur Zeit des Erstbesteigungsfiebers.

Die historische Eroberung des Mont Blanc im Jahr 1789 inspirierte ruhmdurstige Abenteurer, und zehn Jahre später versuchte man sich an der Erstbesteigung des Großglockners.

Es war ein Fehlschlag: Die geführte Expedition endete auf dem Kleinglockner – der kleineren Glocke, knapp unterhalb der großen.

Die Talbewohner nannten ihn „den schwarzen Berg“, und Omas erzählten ihren Enkeln, dort würden Dämonen spuken.

Wer wäre besser berufen gewesen, diesen Gipfel zu bezwingen als ein Mann des Glaubens?
Es war der Pfarrer eines der umliegenden Dörfer, der als erster seinen Fuß auf den Gipfel des österreichischen Kolosses setzte. Er schaffte es im Sommer 1800 zusammen mit den Brüdern Klotzes und zwei Wissenschaftlern, die den Aufstieg organisierten.

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Flitterwochen


Im September 1856 entflohen Kaiser Franz Joseph und seine Gemahlin Elisabeth der bedrückenden Gefangenschaft der Wiener Hofburg, um verspätete Flitterwochen in der Gegend zu verbringen, die sie in ihrer gemeinsamen Leidenschaft vereinte: dem Gebirge und seiner Erkundung.

Als begeisterte Wanderer tauchten sie ein in die Ruhe und den Frieden der Hütten und der mit Edelweiß übersäten Wiesen, teilten schlichte bäuerliche Bräuche und frühstückten im Freien.

Der Aufenthalt des Kaisers an einem so abgelegenen und wilden Ort beeindruckte die Einheimischen so sehr, dass man noch heute Spuren ihrer romantischen Wanderung in den Namen und den Tafeln entlang der Straße findet, die zur Terrasse auf über 2.000 Metern Höhe führt.

Cima Coppi


Im Radsport geht Schönheit oft mit Brutalität einher.
In seiner Geschichte ist der Großglockner auch schon die Cima Coppi des Giro d'Italia gewesen, der höchste Punkt des gesamten Etappenrennens.


Er war symbolträchtiger Schauplatz zermürbender und glorreicher Solo-Aktionen oder großer Duelle. An diesem Tag kämpften ein Kolumbianer und ein Spanier zehn Kilometer lang inmitten der weißen Schneewände, die noch im Mai die Strecke säumen, und der tief hängenden Wolken, die die Gipfel einhüllten.
In solcher Stille hört man seinen Verfolger leichter, und niemand kann einem besser als der Berg die richtige Kurve vorschlagen, an der man angreifen sollte.

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